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1 Kommentar schreiben zu Absatz 1 0 Heute ist unser vorletzter Tag im Camp, es ist unglaublich heiß in der jordanischen Wüste. In der Sonne ist es ab 09:00 Uhr morgens schon nicht mehr zu ertragen. Im Gemeinschaftszentrum der Organisation CARE halten wir unseren Workshop ab und der Strom fällt mehrmals aus: das bedeutet, die kleine Klimaanlage für den nahezu 80 Quadratmeter großen Raum fällt aus und wir werden in der Blechhalle ganz schön durchgekocht. Wir planen mit sieben Flüchtlingsfrauen eine Ausstellung in Deutschland über ihre Situation. Die Begeisterung ist groß, ihr Engagement außerordentlich, da sie nun die Möglichkeit haben, sich mitzuteilen.

2 Kommentar schreiben zu Absatz 2 0 Wir haben ihnen Einwegkameras gegeben und sie gebeten, ihr Umfeld festzuhalten. Sie berichten sehr eindrücklich über ihre Lebensbedingungen. Eine ein- bis siebenköpfige Familie lebt in einem Blechcontainer von 20 Quadratmetern. Darin gibt es eine Kochnische und Matratzen für jedes Familienmitglied, alles spielt sich in einem Raum ab. Privatsphäre gibt es nicht. Ich versuche mir vorzustellen, wie ich mir mit meinen Eltern und anderen Verwandten vier oder fünf Jahre ein Zimmer teile – ich kann es nicht. Badezimmer gibt es nicht, sie müssen einige Häuser weitergehen und beschreiben, dass sie nachts von der ganzen Familie begleitet werden, da sonst Kinder und Jugendliche durch die Lüftungsschlitze schauen, Steine von außen gegen die Wände werfen. Also positionieren sich alle männlichen Familienmitglieder um den Badezimmer-Container, um die Frauen zu schützen. Es gibt kein Licht in den Hütten, von daher dient ihnen das Mobiltelefon als Lichtquelle. Es gibt keine Möglichkeit des öffentlichen Transports, da Frauen im Nahen Osten nicht Fahrrad fahren- es wird gesellschaftlich nicht akzeptiert. Wenn eine Frau sehr krank oder sehr schwach ist, muss sie sich in eine Art Fahrradbox setzen (aus Scham versteckt sie sich unter einem Tuch) um zur Krankenstation gefahren zu werden.

3 Kommentar schreiben zu Absatz 3 0 Die medizinische Versorgung ist schlecht, eine Untersuchung erfolgt nicht. Die Ärzte hören sich das Problem an und geben den Frauen Medikamente für einen Tag. Eine schwangere Frau hat die Möglichkeit, sich einmal in neun Monaten untersuchen zu lassen. Wer ordentlich versorgt werden will und die finanziellen Mittel hat, kann sich eine Erlaubnis holen um das Camp für einen Tag zu verlassen und in der nächsten Stadt einen Arzt oder ein Krankenhaus aufzusuchen. Die Wege innerhalb des Camps sind weit. Wir brauchen mit dem Bus vom Eingang bis zum Gemeinschaftszentrum fast 20 Minuten. Es gibt keinen Schatten, nur sengende Hitze im Sommer

4 Kommentar schreiben zu Absatz 4 0 .

5 Kommentar schreiben zu Absatz 5 0 Uns kommen bei den sehr eindrücklichen Beschreibungen fast die Tränen. Die Frauen beschreiben uns, wie sie versuchen, gegen Motten, Kakerlaken, Mäuse und Ratten vorzugehen – natürlich ein zweckloses Unterfangen bei 40.000 Menschen. Diese Frauen, die zwischen 23-35 Jahre alt sind, können trotzdem lachen und kämpfen mit aller Macht für ihre Familie und eine bessere Situation. Ich muss daran denken, dass mir in Vorträgen oft Fragen über die Situation von arabischen Frauen gestellt wird und das Bild einer willenlosen, unterwürfigen Frau sich in den europäischen Köpfen festgesetzt hat. Die sieben Frauen, die mir gegenübersitzen, haben teilweise ihre Ehemänner im Krieg verloren, unter den beschriebenen Umständen Kinder geboren und verloren, sie leben tagtäglich in diesem Wahnsinn. Sie unterrichten und beschäftigen andere Kinder, vermitteln ihnen Werte und Menschlichkeit. Sie sind alles andere als unterwürfig und schwach. Diese Frauen sind stark, intelligent und stolz und machen einfach weiter, verlieren die Hoffnung nicht, auch wenn sie sich von dieser Welt verlassen fühlen. Bei 50 Grad im Haus, Wasser, das nur in Kanistern an wenigen Wasserstationen geholt werden und nach Hause getragen werden muss. Ich versuche mir vorzustellen, wie viel Wasser eine siebenköpfige Familie pro Tag braucht und wie viele Kanister das wohl ausmacht. Ich muss daran denken, wie ein Teil unserer deutschen Gesellschaft über Geflüchtete denkt: faule Schmarotzer, die Deutschland islamisieren wollen und ein Kind nach dem Anderen in die Welt setzen…

6 Kommentar schreiben zu Absatz 6 0 Das Projekt „Spirit of Football“ gibt diesen Frauen Kraft und Energie um weiterzumachen, in der Gewissheit, dass wir SoF-Teamer hinter ihnen stehen und ihre Ängste und Sorgen ernst nehmen. Wir stärken sie mit neuen Methoden, mit Atemübungen und Yoga, um jedem Tag neu zu begegnen und die Herausforderungen im Camp gut zu meistern.

7 Kommentar schreiben zu Absatz 7 0 Anne Störger

Quelle:http://spirit-of-football.de/2018/09/26/die-frauen-von-azraq/?replytopara=1